Der andere Morgen

Das Rattern des Fahrwerks trieb den Zug immer tiefer in die Nacht. Die Lichter der Stadt verschwanden langsam in der Ferne und überließen das eiserne Gefährt der Dunkelheit. Nur manchmal noch sprangen Lichtpunkte von hinten in meinen Blick und verglühten wieder. Ich mochte in Zügen nie rückwärts fahren. Früher, als ich das Leben noch in jeder Sekunde kontrollieren wollte und mir die Kraft wie Sand durch die Finger rann. In dieser Nacht aber überlies ich mich der Welt und der Geschwindigkeit meines Tragwerks.

Ihr Fuß wippte leicht im Rhythmus der grollenden Räder. Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen und ihren Rock sorgfältig zurechtgezupft. Eine Zeitung lag auf ihren Schenkeln und darauf ihre Hand, die einen Stift festhielt. Unbewegt, denn sie war über die Dämmerung eingeschlafen. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken und die Nasenspitze balancierte eine Brille, die in jedem Moment zu fallen drohte. Sie sah friedlich aus. Das Leben hatte nur wenige Falten in ihrem Gesicht hinterlassen, obwohl sie schon an die achtzig Jahre alt sein mochte. Ihre Haut war rosig und ihre Wangen voll. Um den Hals trug sie eine goldene Kette, an der ein großer Bernstein hing. Ihr Atem legte einen matten Spiegel in gleichmäßigen Abständen auf seine Oberfläche. Ihre Hände ließen einen weichen, warmen Händedruck erahnen, so wie mir alles weich und warm an ihr erschien. Und es war, als lege das diffuse Licht des Zugabteils einen seidigen Schimmer über ihre Gestalt. In mir stieg ein Gefühl von Geborgenheit auf. Ich schloss die Augen und schlief ein.

Die Morgensonne weckte mich und die rasende Welt vor meinem Fenster. Ein Meer aus Einfamilienhäusern schwappte über endlose Wiesen und Haus für Haus wuchs eine Stadt in meinen Morgen. Die alte Dame saß noch immer schlafend mit dem Stift in der Hand. Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich in ihrem Bernstein. Er ruhte auf den großen Maschen ihrer violetten Weste, die sie über einer weißen Seidenbluse trug. Und mit seinem Anblick begann das Leben in mir zu rasen, bis sich die Gewissheit in meine Gedanken fraß.  Er bewegte sich nicht. Kein Auf und Ab brachte ihn ins Rutschen. Kein warmer Atem kondensierte mehr an seiner Oberfläche.

 

Der andere Morgen

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