In seinen starken Armen

Die Welt verschiebt sich im Blick dieser Nacht. Gerade noch war alles voller Leichtigkeit. Voll wohlgewählter Worte und Bewegungen im Takt der Musik. Schwungvoll beseelt sucht der Körper jetzt nach Ruhe. Nach Hause. Es wird Zeit. Noch ein kurzes Gespräch. Eine gute Nacht. Und der Weg zum Auto…

‚Was habe ich dir getan, Du Sau?‘ schreit er immer wieder. Irgendwo da drüben im Dunkel. Er packt zu. ‚Steh auf! Los, hoch!‘ Doch ihr dünner Körper versagt. Sie kann sich nicht auf den Beinen halten. ‚Warum tust du mir das an? Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe. Und was machst Du? Du Schlampe!‘ Mit jeden Schritt, den wir uns nähern, wird seine Stimme weicher. Er setzt sich zu ihr auf die regennassen Steine und legt seine starken Arme um sie. Wir können ihr Gesicht nicht sehen. Nur ein leises Schluchzen dringt zwischen ihren schmutzigen blonden Haaren hervor. ‚Alles in Ordnung bei Euch? Braucht ihr Hilfe?‘ Sie krümmt sich. ‚Nein, es ist alles ok. Wir kommen klar.‘ sagt er. ‚Und du? Bist du ok?‘ Sie wimmert und nickt. Seine breite Hand liegt auf ihrer Brust. ‚Brauchst du Hilfe?‘ Sie schüttelt den Kopf. ‚Wirklich nicht?‘ ‚Nein.‘ Sie krümmt sich. Versucht sich zu übergeben. ‚Sollen wir Euch ein Taxi holen?‘ ‚Nein, wir kommen klar.‘ Dann gehen wir.

Als wir an ihnen vorbeifahren, biegt der Streifenwagen in die Straße ein und sie liegt in den Armen des Mannes, der sie so sehr liebt. In einer Oktobernacht. Auf einer nassen Straße.

Nachtgestein ©Claudia Pautz 2013

Nachtgestein ©Claudia Pautz 2013

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