Denis Diderot – Von einem, der schrieb, das Denken zu verändern

Heute habe ich einen wirklich interessanten Artikel zum 300. Geburtstag von Denis Diderot gelesen. Der Philosoph und Satiriker war mir bisher nicht bekannt. Vielleicht war mir sein Name schon einmal zu Ohren gekommen, mein Interesse jedoch hatte er nicht geweckt…bis heute. Denn neben historischen Ereignissen und Daten aus dem Leben Diderots zitiert Mathias Greffrath in seinem ZEIT-Artikel auch aus den Werken eines Mannes, der für seine, teils durchaus das damalige Weltbild (18.Jahrhundert) erschütternden, philosophischen Gedanken so manche Gefängniszelle von innen sah. Diderot machte keinen Halt vor Religion und absolutistischen Herrschern.

Sein größtes Werk ist eine Enzyklopädie, an der er gemeinsam mit vielen Co-Autoren über zwei Jahrzehnte schrieb und die Herrscher und Theologen gleichermaßen zum toben brachte. Greffrath nennt es in seinem Artikel „…ein helles, ein heiteres Unterfangen, und ein Schelmenroman zugleich.“ Selbst Voltaire schreibt dazu aus Genf: „In Ihrem Lexikon wagt man es, ich zu sagen…“ Diderot schafft mit „Encyclopédie“ ab 1751 ein philosophisches Abbild der Welt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, das zu einem Schlüsselwerk der Aufklärung wird.

Die wenigen von Greffrath zitierten Stellen machen Lust auf mehr, denn Tiefsinn und Leichtigkeit vermochte Diderot in köstlich, sprachlicher Weise miteinander zu vereinen. So schreibt er unter dem Stichwort „Entstehen“:

Die Ausdrücke Leben und Tod haben nichts Absolutes; sie bezeichnen nur die aufeinanderfolgenden Zustände ein und des selben Wesens. Wer weiß, ob die Asche (eines Vater meiner Mutter, eines Geliebten) nicht unsere Tränen spüren und darauf reagieren.

Für Denis Diderot ist der Mensch ein Teil der gesamten Materie des Universums, in dessen Gänze es keine Lücken gibt. Deren Bestandteile jedoch noch nicht vollumfänglich erforscht sind. Damit untergräbt er ganz offen die Fundamente von Religion und Glaube. Schon zuvor äußerte er:

Der Gedanke, dass es keinen Gott gebe, hat noch niemanden erschreckt, wohl aber der Gedanke, dass es einen Gott gibt, wie man ihn mir schildert.

In „Elemente der Physiologie“ schreibt Diderot:

Die Welt ist das Haus der Starken.“. „Die Angst vor dem Tod ist ein Henkel, an dem der Starke uns packt und führt, wohin er will. Zerbrecht den Henkel und enttäuscht die Hand des Starken.“ „…es gibt nur eine Tugend, nämlich die Gerechtigkeit, und nur eine Pflicht, nämlich das Glücklichsein, und nur eine Konsequenz, nämlich sich aus dem Leben nicht allzu viel zu machen und den Tod nicht zu fürchten.

260 Jahre alte Worte, die bis heute nichts an ihrer Wahrheit verloren haben. Die nur manchmal verschüttet unter Verpflichtungen und Ängsten irgendwo in den Hinterköpfen unserer Hinterköpfe ein Naja-Aber-Dasein fristen. Mit immer den gleichen Was-soll-ich-denn-schon-machen-Antworten, die im Bewusstsein dessen, dass wir alle Teil eines Ganzen sind, plötzlich jegliche Berechtigung verlieren. Vielleicht ist es an der Zeit, mal wieder über den Tellerrand zu schauen und zu begreifen, dass wir es sind, die unsere Welt lenken. Jeder einzelne von uns. Und dass es Sinn macht, Worte zu wagen.

Mal abgesehen von tiefgründigen Denkanstößen nährt Mathias Greffraths Artikel „Natur ohne Tod“ mal wieder unser Wissen und ich spreche ihm hiermit meine Empfehlung aus. Der Artikel befindet sich in der ZEIT vom 2. Oktober 2013 auf Seite 19 im Dossier. Online konnte ich ihn bis eben leider nicht finden.

Übrigens findet Greffrath unter „Femme“ in der Encyclopédie folgendes: 

Frau – das Wort allein berührt die Seele […], und der Philosoph, der noch nachzudenken glaubt, ist bald nur noch ein Mann, der begehrt, oder ein Liebhaber, der träumt…

Ich bin geneigt zu glauben, es gehe der Philosophin ebenso…

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