Pommerscher Morgen oder von Menschen im Gegenwind

Der Herbst hält Einzug auf der schönen Ostseeinsel. Und ein bisschen bin ich froh darüber. Kann ich doch jetzt endlich ohne schlechtes Gewissen einfach mal auf der Couch liegen und meine Nase in ein gutes Buch stecken. Nach den letzten beiden Sommern, wenn man diese als solche zu bezeichnen wagt, hatte ich in den letzten Monaten immer das unterschwellige Gefühl, den Tag ausgiebig im Freien geniessen zu müssen. Weil sicher und unverhofft in jedem Moment der anfangs noch so wohltuende und am Ende immer viel zu lang anhaltende Regen einsetzen könnte. Und dann war’s das mit Sommer. Ich erinnere nur an die überdimensionierte Großraumdusche mit perfekt gestalteter Dekoration aus dem letzten Jahr. In diesem Jahr jedenfalls blieb die unterste Etage der Villa Sonnenschein seefrei. Gut so!

Nunja, diese Phase ist überstanden und jetzt heisst es wieder warm einpacken, wenn es Richtung Strand geht. Und genau dort ist es um die Jahreszeit ganz besonders schön. Das Meer aus Strandkörben löst sich zusehends und von Tag und Tag mehr auf. Um den Sonnenaufgang zu sehen, brauche ich nicht mehr in aller Herrgottsfrühe aus der Kiste zu steigen und die Wolkenformationen erinnern an sorgsam zusammengestellte und durchaus in ziemlicher Geschwindigkeit dahin fliegende Wattebauschberge. Wunderschön umrahmt von diesem leuchtenden Blau.

Wenn ich also jetzt meine Schritte über die morgenfeuchte Düne setze und nicht allzu viele Meter weiter meinen oft noch im Tiefschlaf befindlichen Körper mit einem lockeren Dauerlauf in den Wachmodus zu versetzen versuche, ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Noch vor einigen Wochen waren selbst gegen 7 Uhr in der Früh schon Heerscharen an Joggern und Walkern, mit und ohne Schuhe, mit und ohne Hund, mit und ohne Ohrstöpsel unterwegs und verwandelten das Ufer der schönen Kaiserbäder in eine farbenfrohe, sich auf und ab bewegenden Laufmeile, deren feuchtsandiger Untergrund von zigtausenden Walkingstöcken durchlöchert war. Ein paar von diesen links und rechts gelochten Fussspuren legen sich auch jetzt noch morgens in meinen Weg und ich frage mich dann immer, wann zum Geier fallen manche Menschen aus dem Bett…

Mit dem Herbst frischt auch der Wind auf. Das bedeutet mit etwas Glück läuft es sich morgens wenigstens in die eine Richtung entspannter. Während ich mit gebeugtem Oberkörper gegen die andere anlaufe, geht mir immer der Titel eines Ruth Kraft Buches („Menschen im Gegenwind“durch den Kopf, verbreitet meditative Wirkung und kämpft mit Gedankenfetzen wie:  Was für eine endlose Quälerei. Warum tust du dir diesen Mist eigentlich an?
Ich habe übrigens dieses Ruth Kraft Buch nie gelesen, obwohl es mit einigen anderen literarischen Überbleibseln meines Großvaters Einzug in mein Bücheregal gehalten hat. So eine wunderbar vergilbte Verlag-der-Nation-Berlin-Ausgabe aus dem Jahr 1965, die direkt neben „Insel ohne Leuchtfeuer“ von eben gleicher Autorin steht. In dieses jedenfalls habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit schon reingeschnuppert. Es passte mit seiner düsteren Stimmung damals jedoch nicht in meine Tage und rutschte vorerst auf meiner Leseliste auf Platz Unendlich.

Interessanterweise fühle ich mich als Inselkind aber immer diesen Ruth Kraft Titeln verbunden. Vielleicht drücken sie einen Teil des so typischen Lebens am Meer aus. Oder wie die alten Fischer so gern sagten: „Es ist hart das Leben an der Küste. Es ist nicht der Wind. Es sind die Menschen.“ Ich für meinen Teil mag diese nüchtern wortkarge, pommersche Inselnatur mit ihren so wunderbarer kurzatmigen Alltagsphrasen. „Joar, wat mut dat mut.“ oder „Joar, kannst nix machen.“ oder „Joar, dann is dat so.“ (ich bitte eventuell auftretende Schreibfehler im Pommerschen zu überlesen. Ich habe diese Sprache nur verstehen jedoch nie schreiben gelernt.)

Und wenn ich ganz ehrlich bin und auch nicht gern all den lieben Freunden widerspreche, die mir jegliche pommersche Natur absprechen, ganz tief in meinem Herzen bin ganz genau so ein Brubbelkopp mit Hang zu unangebracht sarkastischen Bemerkungen. Und wenn schon oder wie wir hier sagen: Joar, dann is dat eben so. 😉

Ruth Kraft - Menschen im Gegenwind

Ruth Kraft – Menschen im Gegenwind

Advertisements