Kondensierte Vergangenheit

Der Boden knarrt leise unter deinen Füssen. Ohne Absicht, einzig deinen Worten Bewegung zu verleihen, setzt du einen Fuß vor den anderen. Und dann wird es still.

Ein Sonnenstrahl fällt durch das schmutzige Grau dieses Fensters. Bringt unsichtbare Staubpartikelwelten ans Tageslicht und legt sich grell auf die alten Dielen. Auf der Werkbank gegenüber liegen Überreste deines Tagwerks. Dinge, denen ich keinen Namen zu geben vermag. Zu fern sind sie meiner Welt. Doch alles scheint von einem weichen Glanz überzogen, der deine Wirklichkeit für diesen Moment zum Stillleben macht. Zwei Bierflaschen werfen lange Schatten hinüber in die Dunkelheit, in der du jetzt unbewegt die Stille gewähren lässt.
Es ist einer dieser Momente, in denen ich versuche deinen Augen zu entfliehen und Gedankenfetzen wie Seifenblasen aufsteigen, die ich mit den Fingerkuppen meines Verstandes zum Zerplatzen bringe. In denen die Stille unbehaglich wird und mich Unsicherheit auf mich selbst zurückwirft. Und hinter meiner Stirn reihen sich die Worte aneinander, deren bloßes Denken das Leben in mir schneller schlagen lässt.

Der Sessel knarrt als ich aufstehe. Seine uralten Federn stöhnen befreit. Ich gehe zum Fenster hinüber und lehne mich gegen das weissblätternde Kreuz. Mein Blick verliert sich im schmutzigen Mikrokosmos der Glasscheibe. Irgendwo auf der anderen Seite bewegen sich farbenfrohe Punkte vorüber. Vielleicht wäre ich jetzt lieber dort.

„Warum bist du hierher gekommen?“ fragst du mich.

Kälte dringt durch die dünne Scheibe an meine Haut. Der Klang deiner Stimme weckt Erinnerungen und Gedanken gehen auf die Reise, zurück in diese Zeit, die mein Leben in vorher und nachher teilte. Vier Wochen Glück und zu viele Monate des Zweifelns. Ich habe gegen Windmühlen gekämpft. Fortwährend der hässlichen Fratze der Realität ins Gesicht gespuckt, um ganz am Ende kraftlos einzusehen: Das Leben hat immer recht!

Und nun stehe ich hier und weiß keine Antwort auf deine Frage. Festgehalten in diesem Moment, dem jede Zukunft fehlt.

„Ich kann dich endlich verstehen“ sage ich. Und meine Worte kondensieren an der kalten Glasscheibe als ich die Tür hinter mir schließe und gehe.

Kondensierte Vergangenheit

Kondensierte Vergangenheit ©Claudia Pautz

Advertisements