Die junge, alte Stadt oder Als Februarregen bunte Bilder auf graue Erinnerungen legte

Wolfgang Koeppen Zitat in der 80-er-Jahre-Ausstellung in Greifswald

Wolfgang Koeppen Zitat – gefunden auf der 80-er-Jahre-Ausstellung in Greifswald

‚Nichts könnte meine Erinnerung an diese Stadt, dieses Städtchen wohl besser beschreiben als es Koeppen einmal tat. Ja, Greifswald war beklemmend und sie war grau damals. In meiner Erinnerung lächelt die Sonne durch scheibenlose Fenster in verfallenen Fassaden. Auf Kopfsteinpflaster verhallt das Rollen vorbeifahrender Autos. Abenteuerparkure entstehen auf schmalen Gehsteigen. November-Tristesse, die wie kalter Atem durch die Häuserschluchten weht und mit dem sterbenden Grün der Stadt das letzte Leben zu nehmen scheint…bis für den Winter nur noch die Dunkelheit bleibt. Beklemmend war der Schritt hinter alte Mauern damals, beklemmend auch der Schritt wieder hinaus. Und über allem schwebte die Vergangenheit, Geschichte und Geschichten einer beliebten Hansestadt in Bilder von Casper David Friedrich.

Sie war nicht meine Stadt. Ich war einsam, damals in Greifswald. Drückte und presste Vorlesungen und Seminare in eine 4-Tage-Woche. Keine Minute zu lang wollte ich hier sein. Und mit dem Sommer kam die Sehnsucht nach dem Meer.

Wir sollten keine Freunde werden. Auch später nicht, als ich die schwersten Tage hier verbrachte. Auch als Greifswald schon all sein Grau abgelegt hatte, schwebte in mir noch immer eine schwarze Wolke über der Silhouette mit Dom. Ich benutzte diese Stadt, wie Menschen Städte benutzen. Zum Einkaufen, für Arztbesuche, für kurze Abstecher zu Verwandten. Und immer, um ihr bald wieder erleichtert den Rücken zuzukehren. Ich nahm mir keine Zeit für sie…‘

…. und irgendwann löst sich mein Blick von den Bildern der Vergangenheit, ausgestellt in einer großartigen Sammlung im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald. Heimatkunde, graue Erinnerung und draußen fällt heute Februarregen in den selben Straßen, die einst so trist eilenden Menschen den Weg ebneten. Heute habe ich Zeit für diese Stadt. Zeit, die ich nie haben wollte. Heute laufe ich entlang farbfroher Fassaden, die auch der Nebel nicht verstecken kann. Blicke in freundliche Gesichter, entdecke Neues in Altem. Sie ist auferstanden, diese Stadt. Hat den Mantel des Verfalls abgelegt. Steckt voller Leben und hanseatischer Leichtigkeit. Voller Jugend, eingehüllt in eine Jahrhunderte alte Geschichte. Sie spielt mit ihren Reizen, ist hier und da wohltuend tiefsinnig. Und mit der untergehenden Sonne zeigt sie ihr schönstes Gesicht.

Sie lässt sich geniessen, diese Stadt. Beim Blick durch die wintergrauen Fensterschreiben des „Friedrichs“ hinaus auf den nächtlichen Fischmarkt. Beim Spaziergang durch die warm beleuchtete Vergangenheit. Beim wohligen Seufzer nach einem kulinarischen Verwöhnprogramm der Büttner-Mädels im entzückenden Wieck. Beim Entdecken der versteckten Bar im Obergeschoss, die erst mit der Dunkelheit zum Leben erwacht….

Der Februarregen legt bunte Bilder über meine grauen Erinnerungen an diese Stadt. Sie lacht und in mir regt sich das Gefühl, wir könnten doch noch Freunde werden.

Greifswald - bei Nacht entdeckt

Greifswald – bei Nacht entdeckt

Advertisements