Mitternachtssturmzeit

Es ist Mitternacht in den Strassen von Heringsdorf. Ich fahre vorbei an den schönen Villen, die sich oft zu dieser Jahreszeit im Dunkel der Nacht verlieren. Unbewohnt. Es ist eine jener Nächte, in denen es nicht dunkel wird, weil die Welt in Schnee gehüllt ist und das strahlende Weiß der Nacht neue Farben schenkt. Das Meer rauscht laut und fröhliche Flocken tänzeln im Schein der Laternen. Nur hier und da fällt warmes Gelb durch ein Fenster und es scheint als wäre nie eine Winternacht schöner gewesen. Kalt und klar.

Und auf dem Weg streift mein Blick auch über die Fensterscheiben, hinter denen wir einmal so sehr geliebt und gelebt haben. Heute bin ich froh auf dieser Seite zu sein, weil ich hier atmen kann. Weil ich hier frei bin. In meinen Entscheidungen. In meinem Leben. In meiner Liebe.
Und ich wünsche Dir, dass das warme Licht, dass zu mir nach draußen scheint, Dich einhüllt und behütet. Ich schaue mit einem Lächeln zurück: schön war es, schrecklich war es und am Ende: war es eben. Und in meiner Erinnerung bleibt eine Hundeschnauze und die Laterne, deren Licht sich warm auf deine Haut legte. In so mancher Nacht, als ich schlaflos nach einem Weg suchte und so sehr wusste, dass es nur den einen gibt, ohne Dich.

Und Deine Fenster ziehen vorbei wie die Zeit und mein Blick geht vom gestern ins heute. Ich greife nach den Händen neben mir und ein Lachen legt sich in meine Welt. Mit ihnen laufe ich durch Bananenblätternächte, bestaune das Mondlicht über den Ostseewellen, wälze mich in schneefeuchtem Lachen, schlürfte von exotischen Probierlöffeln, lausche den schönsten Worten und lasse mich mit geschlossenen Augen durch das Feuerwerk hindurch in ein neues Jahr tragen.

Es gab sicher schon viele Winternächte wie diese, doch keine scheint jemals schöner gewesen zu sein.

Winterliches Kaiserbad bei Nacht © claudia pautz

Winterliches Kaiserbad bei Nacht © claudia pautz

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