Dinge, die mich heute bewegten

Das war er also, Annes letzter Gottesdienst. Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Nachricht von ihrem Weggehen so treffen würde. Und doch war es eigentlich ganz klar. Denn sie war es, die einer religionslosen Provinznatur wie mir diese andere, diese alte Welt eröffnen konnte und mit ihren Predigten meinem Denken allsonntäglich neue Impulse gab. Es war ihre Jugend, die es mir leicht machte, und das Gefühl von Augenhöhe und Neugier zwischen zwei völlig verschiedenen Welten.

Die Frage «Was ist es, woran 2 Mrd. Menschen auf dieser Erde glauben» trieb mich vor einem Jahr in ihr Gotteshaus. Ich war auf der Suche nach Antworten, nach dem Sinn der Worte in einem 2000 Jahre alten Buch, die ich zwar verstand, doch deren Tragweite ich nicht entdecken konnte. Bei Anne fand ich Antworten und viele neue Fragen. Auch Fragen, die in mir Stürme auslösten, denn Christen denken anders. Ich habe Kämpfe mit mir ausgetragen, bin so manchen Sonntag kopfschüttelnd aus der Kirche gegangen, um mich doch eine Woche später erneut auf den Weg zu machen. Denn zwischen all dem Nein, dem Schulterzucken und Unverständnis geschah doch etwas mit mir. Anne hat es mir leicht gemacht.

Ob ich Gott gefunden habe? Nun ja, manche nennen es Gott. Ich nenne es das Leben und die beruhigende Gewissheit, dass wir so wie wir sind, richtig sind. Dass wir alle Teil voneinander sind und wenn wir uns auf das Leben einlassen, jeder Tag voller Wunder steckt. Die Kirche gibt Halt, wenn stürmisch wird. Sie beruhigt, legt wärmend die Arme um dich und lächelt mit den Worten: Alles wird gut. Und ja, manchmal ist Kirche auch viel zu eng!

Ich hatte das Glück Anne zu treffen und bin dankbar, dass sie ein Stück mit mir gegangen ist. Und in meine Traurigkeit legt sich ein Lächeln, denn

Jeder Freund eröffnet uns eine neue Welt,
 die erst durch die Begegnung mit ihm geboren wird. 
(Anais Nin)

Anne ist Lachen © Ulrich Faust

Anne ist Lachen © Photo by Ulrich Faust

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