Der September ist eben der neue August

Es hat sich ja schon in den letzten Jahren angekündigt, dass der August nicht mehr das ist, was er in meiner Kindheit einmal war. Damals, als ich in der Sommerhitze durch menschenleere Straßen lief und in der Ferne das Meer und das Getümmel der Urlauber am Strand hörte. Als sich auf Asphaltdecken riesige Teerblasen bildeten, die ich trotz mütterlicher Vorwarnung und Aussicht auf Eisverbot zumindest mit der vordersten Spitze meiner Römerlatschen berühren musste, um ganz langsam eine glänzend schwarze Nase in die Höhe zu ziehen.
Damals, als es Kugeleis noch aus großen Kübeln gab und ich bei jedem Blick zum Eismann ein Nicken erhoffte, dass ich heute der Glückspilz war, der die Eisreste mit zerbrochenen Waffelteilen ganz unten aus der Tiefe des Kübels heraus schaben durfte. Und der Kübel war so tief, dass meine Fingerspitzen geradeso den Boden berührten, während sich an meiner Wange die Eisspuren des oberen Randes zur späteren Bestimmung durch meine Großmutter verewigten. Nicht der kleinste Eisrest durfte übrig bleiben. Wenn das Werk vollendet war ging ich stolz und zufrieden zurück an den Strand.
Wir ruderten damals oft zu den Überresten der alten Kaiser-Wilhelm-Brücke in Heringsdorf, legten uns auf den Boden des Bootes, über uns nur der weite blaue Himmel und ein paar Möwen. Wir ließen uns schaukelnd von den Wellen tragen bis das Lärmen des Strand fast nicht mehr zu hören war und wir zurück an Land mussten. Und wenn der Tag sich dem Ende neigte und die Hitze Gewitter ans Meer zog, saß ich in Großmutters Veranda und sah hinaus in den Regen, der auf den heissen Asphalt prasselte und Nebelschwaden und diesen unvergleichlichen Geruch nach Sommer entstehen ließ, den ich heute nur noch ganz selten entdecke…

Und nun sitze ich vor 2 Tagen bei hochsommerlichen Temperaturen den Blick gen Meer gewandt und Foxy zu meinen Füssen im Strandkorb und denke noch „ja, der September ist eben neue August! Vielleicht nicht ganz so warm, jedoch mit prächtigstem Wetter und genau der richtige Monat für….Urlaub.“, als ein älterer Herr, recht gut allerdings für einen solchen Spätsommertag viel zu warm gekleidet, mit einem silbernen Koffer in der Hand vom Ufer in meine Richtung kam. Der Koffer schien so einiges an Gewicht mit sich zu bringen, denn mit zunehmender Länge des Weges änderte sich die eben noch forschfröhlich schreitende Haltung des Mittsechsigers zu einem keuchenden Schleppen, bis er ein paar Meter vor meinem Strandkorb zusammenzubrechen drohte. Kurz darauf verschwand er rechtsseitig aus meinen Blick und wenige Sekunden später auch aus meinen Gedanken, weil meine Phantasie keine rechte Idee zum Inhalt des Koffers auszuspucken vermochte.

Ich blickte schulterzuckend auf das Volleyballfeld vor mir und den Stehtisch, den die Ostseestrandlöwen für diesen Sommer aufgestellt hatten, um ihre Getränke nach dem höchstsportlichen Einsatz schnell griffbereit zu haben. Und auf genau diesen bewegte sich plötzlich mein eigentlich schon wieder vergessener Mittsechsiger zu, bewaffnet mit einem riesigen, in der Länge an meinen Eiskübel-Kinderarm heranreichenden schwarzen Objektiv und einem Handtuch. ….Fragezeichen! Das Objektiv steckte auf einer handlichen Nikon-Kamera. Der gut angezogene Mittsechsiger legte das Handtuch 3-lagig  auf den Stehtisch und schwang die Kamera samt Objektiv mit einer gekonnten Drehung obendrauf. Ok, dachte ich noch, ist auch die einzige Möglichkeit, dieses Kanonenrohr unter Kontrolle zu bringen. Jeglicher Versuch des Stehendschiessens wäre wohl an Muskelzucken oder fehlender Statik gescheitert. Nun glaubte ich noch, dass der Standort für ein Bild der Ahlbecker Seebrücke durchaus gut ausgewählt war, als der Herr einen kleinen Jungen in etwa 3 Meter Entfernung bat, stehen zu bleiben. …wieder Fragezeichen! Er wollte jetzt nicht wirklich diesen Jungen fotografieren! Ich stellte mir  gerade schmunzelnd den fokussierten Hautausschnitt des Kleinen im Sucher vor, als mein Telefon Zeichen gab. Die Fotogräfin, wie passend! Nach einem kurzen Überblick über das dargebotene Schauspiel war klar: Ja, Mittsechzigers Enkel sollte auf’s Bild. Oder wohl eher dessen Pupille, warf die Fotogräfin ein. Wie auch immer. Dreimal den Auslöser gedrückt und Pupillen-Paul hatte einen wichtigen Ausschnitt seines Enkels mit Spielzeug im Sand stehend für die Ewigkeit im Kasten. Ich finde das einen ganz interessanten Ansatz, weil man so doch endlich mal Geschichten zum Bild erzählen kann: „Und hier unser Enkel Tobias am Strand von Heringsdorf…also…ähm… sein rechtes Auge…und schaut, das große Schwarze in der Pupille, da spiegelt sich der Opa…ähm…ja, hinter der Kanone.“
Ich habe dann doch ganz heimlich das iPhone in Position gebracht und einen dieser altmodischen Opa-fotografiert-seinen-Enkel-mit-einem -Tele-Schnappschüsse gemacht:

Schwer bewaffneter Mittsechsiger auf Motivsuche

Schwer bewaffneter Mittsechsiger auf Motivsuche

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